Fachliches

Prof.,Dr.med.J.Büschelberger (1961) - Facharzt für Orthopädie (gest. 1984) Untersuchungen über Eigenart des Hüftgelenks im Säuglingsalter und ihre Bedeutung für die Pathogenese, Prophylaxe und Therapie der Luxationshüfte. Habilitationsschrift, Dresden

Die erste Umwelt des Neugeborenen ist ausschliesslich seine Mutter. Der Mensch ist phylogenetisch ein Nestflüchter, wird aber als "physiologische Frühgeburt" geboren und muss gewissermassen "in statu nascendi" noch wenigstens 12 Monate auf dem Körper der Mutter verbringen, um artgemäss zu reifen und sich zu entwickeln. Das Neugeborene ist in vielfältiger Weise dem Leben auf dem Körper der Mutter angepasst. Dafür sprechen unter anderem die Totalkyphose der Wirbelsäule, die als "umwegige Entwicklung" bezeichneten intra- und extrauterinen Gestalt- und Lageveränderungen der Hüftpfannen und koxalen Femurenden, sowie die physiologische Streckhemmung der Hüftgelenke. Diese Streckhemmung und die starke Antetorsion der Schenkelhälse ermöglichen dem Neugeborenen ein zwangloses Reiten auf dem Körper der Mutter. Im Reitsitz sind die Beine des Kindes in den Hüftgelenken um mehr als 90 Grad gebeugt und um etwa 25 Grad aus der Sagittalebene abduziert und die Schenkelhalsachsen strahlen annähernd lotrecht in die Eingangsebenen der Hüftpfannen ein. In dieser Stellung werden an beiden Gelenkkörpern - Femurkopf und Hüftpfanne - alle Bezirke gleichmässig belastet, was für die Entwicklung ihrer Knochenkerne und damit für eine normale Ausbildung der Kugelform des Caput femoris und der Hohlkugelform des Azetabulum notwendig ist. Die angeborene Gelenkschlaffheit ist jedoch dann bedeutungslos, wenn die Beine des Neugeborenen Beuge-Spreiz-Haltung einnehmen, wie das beim Reiten auf der Hüfte der Mutter und ersatzweise bei breitem Wickeln und Verwendung von Spreizhosen der Fall ist. In dieser Position drücken die Femurköpfe in die Pfannenzentren und nicht gegen die hinteren-oberen Abschnitte der knorpligweichen Pfannenwände, und die Kapselbänder sind weitestmöglich entspannt, können also nicht überdehnt werden. Zur Geburt instabile Hüften können innerhalb der ersten Lebenstage von allein stabil werden, doch lässt sich nicht vorhersagen, welche der hypermobilen Hüften Stabilität bekommen und welche schlaff bleiben werden. Aus diesem Grund ist es notwendig, schon in der Neugeborenenperiode die Beine der Kinder in die physiologische Beuge-Spreiz-Haltung zu bringen. Das geschieht am natürlichsten durch Wiederherstellung der Mutter-Kind-Dyade mittels des Tragetuchs.
An der kindlichen Wirbelsäule kann das Tragen im Tuch keine Schäden hervorrufen. Die intrauterine Haltung, die Totalkyphose der Wirbelsäule, bleibt nach der Geburt beim Sitzen im Tragetuch noch für lange Zeit erhalten. Mit Kräftigung der Hals- und Nackenmuskulatur und durch Aufnahme von Sozialkontakten mit der ausserhalb der Dyade bestehenden Umwelt bildet sich nach einigen Wochen die Halslordose aus, während die Abschnitte der Brust- und der Lendenwirbelsäule bis zum Beginn des Gehens in kyphotischer Haltung verbleiben.
Dem älter werdenden Kind bietet das Leben im Tuch die Möglichkeit, sich von seiner ersten Umwelt, der Mutter, allmählich der sozialen Umwelt zuzuwenden, ohne die Geborgenheit bei der Mutter aufgeben zu müssen. Die Vorteile der Verwendung des Tragetuchs beschränken sich nicht nur auf die absolut sichere Verhütung der perinatalen Luxationshüfte sowie anderer Mutter-Entzugserscheinungen und auf eine gesunde psychische Reifung und Entwicklung des Kindes durch engstmöglichen Sozialkontakt, sondern liegen auch auf alltäglichem praktischem Gebiet. Durch den "Transport" im Tuch bzw. den körperlichen Kontakt mit der Mutter kommen die Kinder beruhigt zur Untersuchung beim Kinderarzt und entwickeln deshalb bei den zu treffenden Massnahmen keine oder eine nur geringere Abwehr als allgemein üblich. (...)
Aus dem Vorwort des Buches:
"In unserer Mitte"
Kinder in der Gemeinschaft
Sobonfu E.Somé

Ein Kind wird geboren. Es kommt in eine natürliche Umwelt, vielleicht in einer einfachen Behausung, in der man Vögel singen hört. Die Hebamme bläst ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und das Kind nimmt diese neue Welt in sich auf. Die liebevolle und fürsorgliche Umarmung seiner Mutter und seiner ganzen Familie umgibt es vom ersten Augenblick an- es gibt mehr Menschen, die es im Arm halten wollen, als der Tag Stunden hat. Es hört den Gesang der Frauen, die im Dorf arbeiten; es hört den Gesang der Männer auf den Feldern oder im Wald. Die Menschen in seiner Umgebung verstehen es gut miteinander auszukommen, und es erlernt diese Art von Umgang ganz von selbst. Seine Tage sind von der Liebe erfüllt, noch bevor es das Wort dafür kennt.

Oft ist das Kind mit seinen Grosseltern und anderen Ältesten zusammen, die ihm die Geschichten seiner Familie und die Weisheit seines Volkes vermitteln. Es wächst auf ,ohne jemals Einsamkeit zu kennen. Es läuft herum, spielt und erkundet alles Lebendige in seiner Welt, während die älteren Menschen ihm die Namen nennen eine Heilpflanze, ein Herdentier, ein Vogel von besonderer Schönheit. Die Ältesten behalten es im Auge und bieten ihm einen verführerischen Reichtum von Erfahrungen und Wahlmöglichkeiten an, so dass seine Neigungen und Gaben zutage treten. Mit ihren weisen, vom Geist erfüllten Augen blicken sie tief in seine Seele. Seine Vorlieben und sein Wesen kommen deutlich zum Vorschein, und die Einzigartigkeit seines Beitrages an die Gemeinschaft wird erkannt und gewürdigt. Die einzige Regel des Dorfes besteht darin, die besten Absichten und Charaktereigenschaften jedes oder jeder einzelnen zu fördern. Die spirituelle Energie in dem Kind und allen Dingen wird geehrt. Es beherrscht die Beschäftigungen, die ihm Freude machen, und macht der Gemeinschaft aus seinem Herzen und mit seinen Händen ein großes Geschenk.

Ein Kind wird geboren. Es kommt in das grelle Licht eines fensterlosen Zimmers, umgeben vom Geruch nach Chemikalien. Sein erstes instinktives Gefühl ist die Angst, denn der Herzschlag seiner Mutter hat sich verändert und das Baby spürt ihre Anspannung. Nach seinem beschwerlichen Weg ans Tageslicht wird es der Mutter gerade dann weggenommen, wenn es die Sicherheit des vertrauten Herzschlags am meisten braucht. Etwas brennt in seinen Augen. Es ist allein. Auf sein Schreien wird nicht reagiert und schließlich fällt es in einen erschöpften Schlaf, um dann wieder allein in seinem Bettchen zu erwachen.
Wenn seine Mutter es schließlich mit nach Hause nimmt, verbringt es immer noch viel Zeit allein. Seine Mutter ist isoliert und erschöpft, weil die Sorge für das Baby und die übrige Familie sie überfordern. Es ist niemand da, der ihr helfen könnte. Christa Meves, Kinder und Jugendlichen-Psychotherapeutin

"Das Kind ist zunächst noch keineswegs ein Ich. Es wird hilflos geboren, es ist im "extrauterinen Frühjahr", dem ersten Lebensjahr, gewissermaßen noch ein Teil seiner Mutter, ja, es muss zunächst noch ihr Teil sein.
Nur eine Mutter, die sich ganz auf das hilflose Kind einstellt, kann ihm die notwendige Sicherheit und Geborgenheit schenken. Jede Distanz, jede Emanzipation von ihrem Kind ist deshalb falsch, ist ein gefährlicher Risikofaktor in Bezug auf die Stabilisierung der Seele des Kindes.
Aber je mehr das Kind zur Selbstständigkeit, zum Alleinsein-Können reift, um so mehr hat sich die Mutter zurückzunehmen, hat sie Freiraum für die Konstituierung des Ich ihres Kindes zu geben. Das fällt vielen Frauen außerordentlich schwer."


Dr. Michael Breuninger, 52, Psychologe (Mitarbeiter des Canadian Journal of Psychology)schreibt in "Kinder" Heft Nr.2 März 1997

Frage: "Heißt das, wir sollen unsere Babys dauernd im Arm halten?"

"Das wäre gut, wenn das Baby nicht zu erkennen gibt, dass es genug Nähe "getankt" hat und seine Ruhe haben möchte, was es mit seiner Körpersprache deutlich zeigt.
Grundsätzlich aber kann man sagen, dass Säuglinge bis zum sechsten Lebensmonat um so besser gedeihen. Körperlich und geistig - je mehr Zeit sie in einer geeigneten Trageeinrichtung am Körper von Mutter oder Vater verbringen dürfen, je öfter ihr kleiner Körper zärtlich massiert wird, je mehr Nähe die Eltern zulassen."

Jean Liedloff, "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück" S.53

"Nicht vorbereitet hingegen ist es auf irgendeinen noch größeren Sprung geschweige denn auf einen Sprung ins Nichts, in Nicht-Leben, in einen Korb mit Stoff ausgeschlagen oder in ein Plastikkästchen, das sich nicht bewegt, keinen Ton von sich gibt, das weder den Geruch noch das Gefühl von Leben aufweist. Kein Wunder, wenn das gewaltsame Auseinanderreißen des Mutter-Kind-Kontinuums, das sich während der Zeit im Mutterleib so stark ausprägte, sowohl Depressionen bei der Mutter, als auch Todesangst beim Säugling auslöst. Jedes Nervenende unter seiner erstmals bloßgelegten Haut fiebert der erwarteten Umarmung entgegen; sein ganzes Sein ,das Wesen all dessen, was es ist, zielt darauf, dass es auf Armen getragen wird."

S.55,Abs.3
"Ganz am Anfang , in den ersten Botschaften, die seine Sinne ihm nach der Geburt vermitteln, liegt eine Ausschließlichkeit, ein unbedingter Eindruck vom Zustand der Dinge, der auf nichts bezogen ist als die angeborenen Erwartungen des Babys und natürlich frei ist von jedem Bezug zum Vergehen der Zeit

Eine Lehrgeschichte über Authentizität:

...es war einmal ein Ehepaar, das einen 12-jährigen Sohn und einen Esel hatte. Sie beschlossen zu verreisen, zu arbeiten und die Welt kennen zu lernen. Zusammen mit ihrem Esel zogen sie los.

Im ersten Dorf hörten sie, wie die Leute redeten: "Seht Euch den Bengel an, wie schlecht er erzogen ist... er sitzt auf dem Esel und seine armen Eltern müssen laufen."

Also sagte die Frau zu ihrem Mann: "Wir werden nicht zulassen, dass die Leute schlecht über unseren Sohn reden" Der Mann holte den Jungen vom Esel und setzte sich selbst darauf.

Im zweiten Dorf hörten sie die Leute folgendes sagen: "Seht Euch diesen unverschämten Mann an... er lässt Frau und Kind laufen, während er sich vom Esel tragen lässt."

Also liessen sie die Mutter auf das Lastentier steigen und Vater und Sohn führten den Esel.

Im dritten Dorf hörten sie die Leute sagen: "Armer Mann! Obwohl er den ganzen Tag hart gearbeitet hat, lässt er seine Frau auf dem Esel reiten. Und das arme Kind hat mit so einer Rabenmutter sicher auch nichts zu lachen!"

Also setzten sie ihre Reise zu dritt auf dem Lastentier fort.

Im nächsten Dorf hörten sie die Leute sagen: "das sind ja Bestien im Vergleich zu dem Tier, auf dem sie reiten. Sie werden dem armen Esel den Rücken brechen!"

Also beschlossen sie, alle drei neben dem Esel herzugehen.

Im nächsten Dorf trauten sie ihren Ohren nicht, als sie die Leute sagen hörten: "Schaut euch die drei Idioten mal an. Sie laufen, obwohl sie einen Esel haben, der sie tragen könnte!"



Wenn man/ frau es also sowieso niemandem recht machen kann und immer irgendjemand ein Problem haben wird- warum nicht einfach du selber sein?

Auszug aus "Nomadentochter"

von Waris Dirie "Eines schönen Herbsttages, als ich mich gerade bei Danas Familie aufhielt, band ich mir Leeki in einem Baumwolltuch auf den Rücken. Damals war er ungefähr drei Monate alt. Es blies ein kühler Wind, deshalb zog ich mir auch meine grüne Jacke über. Meine Brüder und Vettern hatten es immer geliebt, von mir auf dem Rücken herumgetragen zu werden, und ich wusste noch, wie es ging. Ich nahm ein buntes afrikanisches Tuch, meinen chalmut. Das ist ein fest gewebter Stoffstreifen, ungefähr so lang wie ein Tischtuch, aber nicht so breit. Mein hellgelber chalmut hatte ein grün-rotes afrikanisches Muster. Ich beugte mich vor und legte mir Aleke vorsichtig auf den Rücken. Man muss sich die Arme des Babys unter die Achselhöhlen stecken, damit sie nicht herunterfallen, während man das Tuch um sich und das Kind wickelt. Man führt es über eine Schulter und unter dem anderen Arm durch und bindet es zwischen den Brüsten zusammen. Es ist bequem, nicht schwer und man spürt bei dieser Nähe jeden Atemzug von dem Baby. Ich werde nie verstehen, warum die Leute ihre Kinder ganz allein in einem Kinderwagen liegen lassen. Aleekes Großmutter sagte noch vor seiner Geburt, wir müssten einen kaufen.
Aber ich wandte ein: "Ich glaube nicht, dass wir einen brauchen."
Sie blickte mich überrascht an. "Wie meinst du das? Wie willst du mit dem Baby einkaufen oder spazieren gehen?"
"Weißt du, ich werde mein Kind auf dem Rücken tragen."
Daraufhin entgegnete sie: "Hör zu, Waris, nimm meinen Rat an. Das ist dein Erstgeborenes, und du weißt wirklich nicht, was du tust. Man braucht einen Kinderwagen! Du kannst das Baby nicht ständig herumschleppen."
Ich sagte: "Ja, hier handhabt ihr die Dinge so, aber wir tragen unsere Kinder anders."
Trotzdem kaufte sie einen Kinderwagen einen großen, grauen, hässlichen Kasten -, den ich so furchtbar fand, dass ich ihn schon nach wenigen Wochen nicht mehr benutzte. Nicht so sehr wegen ihr, denn ich liebte sie sondern wegen seiner Größe. Ich kam mir komisch vor, wenn ich ihn durch die Straßen schob. In New York City ist nicht besonders viel Platz, und ich nahm fast den ganzen Bürgersteig ein, so dass alle mir ausweichen mussten. Es war schon schlimm genug, mit dem Ding dauernd die Bordsteine hinauf- und hinunterzurumpeln. Aber in ein Geschäft zu kommen, war ganz unmöglich. Man musste sich vorbeugen, um die Tür aufzustoßen, dann hektisch den Kinderwagen hinterher schieben. Ich hatte immer Angst, die Tür würde vorzeitig zuschlagen und mein Kind zerquetschen. Auch die U-Bahn konnte ich nicht benutzen, also musste ich enorme Entfernungen zu Fuß zurücklegen. Anschließend ließ ich das Monstrum unten stehen, trug Aleeke rasch in die Wohnung, wo ich ihn alleine ließ, um wieder hinunterzujagen und das Ding unter die Treppe zu stellen, damit die Leute nicht darüber stolperten. Das ist eine so genannte Erleichterung, die ich nicht brauche.
Nun, auf jeden Fall stieg ich an diesem Morgen mit Aleeke auf dem Rücken die Treppe hinunter. Die Gewohnheiten meiner Kindheit in der Wüste sind mir in Fleisch und Blut übergegangen, und ich laufe eigentlich immer, auch wenn es nicht unbedingt nötig wäre. Sein winziger Kopf steckte unter meinem Jackett, und ich fühlte mich wunderbar. Granny stand in der Küche, sie wusch gerade das Geschirr ab, und ich rief ihr zu: "Bis später, Granny!"
Sie knurrte: "Warte mal! Wo ist das Baby? Du hast gesagt, du wolltest mit dem Kind spazieren gehen. Wo ist er?" Mit dem Küchentuch in der Hand kam sie in die Diele.
"Er ist auf meinem Rücken", gab ich Auskunft.
Sie starrte mich fassungslos und ungläubig an. Ich zog Aleeke unter meinem Arm nach vorne, schob meine Jacke auf und sagte: "Hier!" Er strahlte sie mit seinem süßen Gesichtchen an. Die Frau geriet außer sich, sie konnte nicht verstehen, wie ich das Kind da hängen lassen mochte. So etwas hatte sie noch nie gesehen und konnte sich nicht vorstellen, dass es dem Baby gefiel. Ihrer Meinung nach musste er ersticken, und sie beschwor mich: "Ich flehe dich an, nimm ihn herunter."
Leise lachend winkte ich ab: "Wir sind schon unterwegs. Bis später dann!" Aber ihre Reaktion mache mir doch zu schaffen. Ich brauchte Unterstützung und Beruhigung, und nicht jemanden, der mir vorwarf, ich würde mein Kind erdrosseln. Sie hätte sich dafür interessieren sollen und mich fragen, wie man es machte und es nicht von vornherein als einen Brauch aus Afrika nur missbilligend abtun." Ein alter Indianer erzählt seinem Enkel:
"In meiner Brust wohnen zwei Wölfe:
Einer ist der Wolf der Dunkelheit, der Angst, des Mißtrauens, der Verzweiflung und des Neides.
Der andere ist der Wolf des Lichtes, der Liebe, der Lust und der Lebensfreude. "
Fragt der Enkel: "Und welcher der beiden ist der stärkere?"
Der alte Indianer antwortet:
"Der den ich füttere!"