Ängste und Fragen

Bedenken zum Tragen eines Kindes oder auch Ammenmärchen

Immer wieder fragen mich besorgte Eltern, ob es denn so richtig sei, wie sie mit ihrem Kind verfahren und erklären mir vermeintliche Weisheiten, über die "richtige Erziehung", von besorgten Freunden oder Familienangehörigen.
Gerade zum Thema Tragen gibt es scheinbar unerschöpflich viele, einige sind hier zusammengetragen:

"Ab wann kann ich mein Kind tragen?"

Sobald du dich kräftig genug fühlst dein Baby zu tragen, kannst du dies tun.
Wichtig dabei ist, dass du eine, für dich und dein Kind, geeignete Bindeweise wählst und auf deinen Körper achtest.
Signalisiert dein Körper Unwohlsein,dann höre sofort darauf!
Niemandem nützt es, wenn du dich mit dem Tragen überanstrengst! Am wenigsten deinem Kind.

"Verwöhne ich mein Kind durch das Tragen nicht zu sehr?"

"Pass auf, Du verwöhnst Dein Kind!"
Wie oft haben wir, als Eltern, gerade diesen Satz schon gehört? Nicht nur in Bezug auf das Tragen scheinen die Gründe, ein Baby zu verwöhnen, schier unerschöpflich.
So viele wohlgemeinte Ratschläge und besorgte Äusserungen, denen sich die jungen Eltern stellen müssen.
Dazu: Ein Baby wird durch häufiges Tragen nicht verwöhnt.
Tragen und das Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit sind elementare Grundbedürfnisse unserer Kinder. Ich kann ihnen also diese Grundbedürfnisse erfüllen oder nicht.
Wie mit allen Grundbedürfnissen, verhält es sich mit dem Bedürfnis nach Körperkontakt wie mit dem des Hungers (Bedürfnis nach Nahrung):
Ein gestilltes Bedürfnis verschwindet....ein Bedürfnis dem nicht nachgekommen wird, bleibt bestehen und wird größer.
Studien haben gezeigt, dass Kinder die regelmäßig und viel getragen werden,kooperativer sind, sich leichter und schneller von der Bezugsperson lösen und früher selbstständig werden als nicht getragene Kinder.

"Bekommt mein Baby auch genug Luft?"

Bei einer Untersuchung an der Kinderklinik der Kölner Universität wurde herausgefunden, dass die Sauerstoffversorgung von Säuglingen im Tragetuch sich lediglich um ca. 1 % vermindert ist, was die Forscher für ein gesundes Kind für vernachlässigbar halten.
Dies liegt daran, das ein Kind im Tuch sehr viel ruhiger und entspannter ist.
Sollte es dennoch einmal zu einer unglücklichen Verkettung ungünstiger Umstände führen und sinkt die Sauerstoffkonzentration im Blut bei gleichzeitigem Anstieg des Kohlendioxidgehaltes führt dies im Gehirn des Kindes automatisch zu einer Aufwachreaktion.
Haben Sie schon einmal bemerkt was passiert wenn ein Baby die Nase zugehalten bekommt (etwa beim Anziehen eines Pullovers) oder wenn es ungünstig liegt?
Auch das kleine Baby ist schon in der Lage seinen Kopf zu drehen.
Es würde instinktiv seinen Kopf so drehen, damit es wieder atmen kann, oder lautstark gegen diesen Zustand protestieren.
Da Babys ihren Kopf von Geburt an drehen können, würden sie ihre Lage instinktiv so verändern, damit die Luftzufuhr nicht mehr behindert ist.
Auch bei Krankentransporten von kleinen Babys bevorzugt man an der Universitäts-Kinderklinik in der "Frühchen"-Betreuung die Känguruh-Transporte, wobei das Kind bei Transporten nicht im Transportinkubator, sondern auf der mütterlichen Brust gelagert wird, sowie die Verwendung von kleinen Hängematten in den Inkubatoren.

"Schädigt das Tragen den Rücken meines Kindes?"

Wenn ich mir manche getragenen Kinder anschaue und wenn ich nach meinen Maßstäben schaue, muß ich eingestehen:
Diese Bedenken sind gerechtfertigt!
Tragen ist mehr als nur das Kind von A nach B zu befördern. Es kommt auch darauf an, wie ein Kind getragen wird.
Wenn ein Kind orthopädisch korrekt getragen wird(in der Anhock-Spreizhaltung mit optimal gestütztem Rücken) sind Orthopäden und Kinderärzte sich heute einig, dass Tragen nicht rückenschädlich ist.
Im Gegenteil, Tragen fördert die gesunde Entwicklung von Hüfte und Rücken.
In Langzeitstudien konnten keine negativen Auswirkungen auf die Entwicklung der kindlichen Wirbelsäule, wie auch der Hüfte, getragener Kinder festgestellt werden.
Weltweit werden 2/3 aller Kinder getragen.
Beobachtungen ergeben: In den Ländern in denen Kinder stets und ausdauernd getragen werden liegt die Anzahl der geschädigten Hüftgelenke weit unter unserer zivilisierteren Gesellschaft.
Wichtig beim Tragen ist allerdings, dass das Kind von der Tragehilfe fest umschlossen ist, und somit der Rücken nicht ungehalten in sich zusammen sacken kann.
Auch der Kopf muß so gestützt sein, dass ein Baby völlig erschlafft schlafen kann und der Kopf festgehalten wird, so dass kein Wegkippen ensteht,oder stetiges Wackeln seine so empfindliche Halswirbelsäule belastet.
Ist das Kind gut eingehockt, von Kniekehle zu Kniekehle unterstützt und am Rücken optimal gestützt, kann das Tragen für die Gesundheit des Kindes, physisch,sowohl psychisch, nur positive Auswirkungen haben.
Ebenso ist ganz wichtig, dass ein Kind immer mit seinem Blick zum Träger getragen wird!Also nicht mit dem Gesicht nach vorn.
Geschieht dies nicht, wird die kleine und unreife Wirbelsäule in ein unphysiologisches Hohlkreuz gedrückt und das gesamte Gewicht des Kindes lastet auf den Genitalien.
Schauen Sie sich einmal ein Kind, welches so getragen wird, genauer an und überlegen Sie wie bequem diese Haltung für Sie wäre.

"Nehme ich meinem Kind nicht die Möglichkeit sich motorisch zu entwickeln, wenn ich es immer fest einbinde?"

Auch das ist eine berechtigte Frage, die auch ich mir anfangs gestellt habe.
Scheint es doch so, dass ein Kind welches im Kinderwagen geschoben wird jederzeit seine Muskeln aktiv trainieren kann und diese somit stärkt, um sich motorisch schneller entwickeln zu können.
Erst einmal möchte ich hier anmerken, dass sich jedes Kind individuell entwickelt und es niemals eine Garantie dafür gibt, dass ein Kind mit Erreichen eines bestimmten Alters bestimmte motorische Fähigkeiten vorweist. Dies ist völlig unabhängig davon, ob dieses Kind nun getragen wird oder nicht.
Bei einem getragenen Kind bieten sich allerdings die Vorteile, dass die Muskeln und Gelenke, während des korrekten Tragens, immer durch den Körper des Tragenden bewegt werden.
Auch wenn das Kind schläft, werden seine Muskeln passiv bewegt, massiert und trainiert. Der Körper geht jede Bewegung des Tragenden passiv mit und trainiert sich somit ständig und ohne große Mühen.
Ebenso die Gelenke, speziell die noch nicht ausgereifte Hüfte des Kindes wird bewegt und mit den Bewegungen besser durchblutet.
Eine besser durchblutete Hüfte kann sich schneller entwickeln und ist somit früher ausgereift.
Über die ganze Zeit in der ein Kind getragen wird schult dieses unbewußt seinen Gleichgewichtssinn, was sich auch wieder sehr positiv auf seine motorischen Fähigkeiten auswirkt.
Vorausgesetzt also, das Kind wird anatomisch korrekt getragen (optimal:ein exakt gut gebundenes Tragetuch) und seinen Bedürfnissen entsprechend, getragen wird, sehe ich bislang nur positive Gründe ein Kind zu tragen.

"Wird mein Kind durch das Tragen nicht überreizt?"

Ein getragenes Kind hat immer den Vorteil sich ankuscheln zu können, wenn ihm eine Situation zu viel wird oder es sich dieser nicht gewachsen fühlt.
Wie bei unseren Vorfahren orientiert sich heute ein Kind immer am Erwachsenen und entscheidet dann, wie es auf bestimmte Situationen reagieren kann.
Somit wird das getragene Kind sich immer rückversichern können, ob eine Situation für den Tragenden "in Ordnung" ist oder ob auch dieser sich bedroht fühlt.
Ist die Situation für den Erwachsenen nicht bedrohlich, erhält das Kind diese Information unmittelbar und das Kind wird sich wieder beruhigt zurückziehen und sich sicher sein, dass keine Gefahr naht.
Ist das Kind allerdings wach und aufgeschlossen und bereit seine Welt zu erobern, kann es dies von seiner geschützten,gehaltenen Position aus aus tun. Von wo läßt es sich besser erkunden und beobachten als vom Arm eines schützenden Erwachsenen?
Ein getragenes Kind lebt tägliche Rituale und Abläufe sehr viel intensiver mit der Familie, als ein Kind dem der Blick für die Welt durch einen Kinderwagen versperrt wird.
Ein getragenes Kind braucht nicht lauthals einklagen, wenn es etwas sehen möchte, denn es kann immer dann, wenn es möchte, soviel sehen, wie es gerade braucht und wegschauen, wenn es keine Lust mehr hat.
Jedes Kind braucht, um sich optimal entwickeln zu können eine Vielzahl von taktilen, visuellen, akustischen und emotionalen Reizen.
Durch das Tragen ermöglichen sie ihrem Kind, diese Sinne zu fördern.
Ist es nicht erstaunlich wie ein Baby im größten Trubel, auf den Armen eines Erwachsenen seelig schlummern kann?

"Ist es im Winter nicht einfach wärmer im Kinderwagen?"

Der Erwachsenenkörper wärmt ein Kind optimal.
Die Natur hat hier vorgesorgt. Untersuchungen an Frühgeborenen haben gezeigt, dass der mütterliche Körper wie ein Thermostat funktioniert. Die Körpertemperatur der Mutter erhöht sich, bis die des Kindes optimal ist und senkt sich auf Normaltemperatur, sobald Überhitzung droht.
Dies kann kein Kinderwagen leisten. Voraussetzung für das Tragen im europäischen Winter ist allerdings ein dicker Mantel, der in seiner Länge auch über die Füße des Kindes reicht, so dass Kältebrücken nicht entstehen können.

"Ich habe schon vor der Schwangerschaft Rückenprobleme gehabt, wie kann ich dann jetzt mein Kind ohne Schmerzen tragen?"

Wenn man bedenkt, dass unsere Wirbelsäule ursprünglich für das Tragen von Lasten ausgelegt ist und sich auch genau für diesen Zweck ausgebildet hat, würde ich sagen: Ein Versuch ist es wert.
In der Schwangerschaft hat Ihr Rücken mehr Gewicht getragen als das Kind nun wiegt. Mit der richtigen Bindeweise kann auch Ihr Rücken und Ihre Rückenmuskulatur positiv beeinflußt werden und so manche Rückenschmerzen haben sich schon in Luft aufgelöst, aufgrund des stetigen Trainings, während des Tragens.
Wichtig ist allerdings darauf zu achten, dass das Tragen langsam gesteigert wird, mit einer Trageberaterin eine angenehme Binde- oder Trageweise gewählt wird, und dem Rücken auch die Zeit gegeben wird, die dieser braucht, um die benötigte Muskulatur aufzubauen und auszubilden.
Im Zweifelsfall sprechen Sie ihren Orthopäden auf Ihr Vorhaben an!
Gerne komme ich auch mit zum Orthopäden, wenn dieser Bescheid weiß.
Ich stelle dann gerne die Bindeweise und die Kriterien vor.